VON TOBI LANG
NÜRNBERG – Die Entscheidung beim Frankenschnellweg ist gefallen, der Tunnel kommt – doch nun ärgern sich die Gegner über eine Äußerung aus dem Rathaus. Wäre der Bürgerentscheid verhinderbar gewesen? Für Brigitte Sesselmann von der Bürgerinitiative durchaus.
Andreas Krieglstein hatte unserem Medienhaus gesagt, er hätte den Ausbau des Frankenschnellwegs gerne im Kommunalwahlkampf noch intensiver diskutiert – nur sei das mit den Gegnern nicht möglich gewesen. Der Bürgermeister spricht da über Sie, die Bürgerinitiative, die den Bürgerentscheid angestoßen hatte. Warum macht Sie die Aussage sauer?
Diese Aussage widerspricht diametral den Fakten. Wir waren es, die wiederholt Gesprächs- und Diskussionsangebote an alle Fraktionen und alle Bürgervereine Nürnbergs gemacht haben. Die CSU hat entweder gar nicht reagiert oder uns Absagen zukommen lassen. Das können wir belegen. Während des Kommunalwahlkampfes haben wir weder von der CSU noch von der SPD eine Aufforderung zu einer Diskussion über den Ausbau erhalten.
Sie sagen, es sei genau andersherum gewesen: Die Bürgerinitiative habe sich Vorfeld um Dialog mit der Stadtspitze bemüht. Warum sind die Perspektiven auf den Sachverhalt so unterschiedlich?
Die unterschiedlichen Perspektiven, wie Sie es nennen, ergeben sich daraus, dass die Stadtspitze in der Öffentlichkeit bürgemah erscheinen will, im Hintergrund aber oft anders handelt. Vor der Wahl gab es noch andere Zuständigkeiten, die unsere Anliegen nicht ernst genommen haben. Sie haben uns deshalb öffentlich Taktieren oder Angstmache vorgeworfen. Wir haben bewusst im Februar das Erreichen der erforderlichen Unterschriften öffentlich bekannt gegeben, aber erst nach der Wahl die Unterschriften offiziell im Wahlamt auf Wunsch desselben, am 30. März – eingereicht. Unmittelbar nach der Wahl haben wir unsere Gesprächsangebote wiederholt. Es wäre also genug Zeit gewesen für Kormmunikation und ein faires Miteinander. Standessen wurden wir mit einem sehr knappen Zeitraum bis zum Entscheid konfrontiert.
Was hätten Sie sich im Vorfeld des Bürgerentscheids von der Stadt gewünscht? Wäre er vielleicht sogar zu verhindern gewesen durch einen Kompromiss und wie hätte der aussehen können?
In der Tat hätte eine bessere Kommunikation vielleicht sogar den Bürgerentscheid verhindern können. Aber Sie wissen, man war sich absolut sicher, dass alle Bürger den Ausbau wollen.
Ein demokratisch ausgewogener Bürgerentscheid braucht sachliche Informationen über das Projekt. Es reicht nicht, nur die Meinungen der gegnerischen Parteien auszutauschen. Bei unseren vielen Info-Veranstaltungen haben wir gemerkt, dass viele Bürgerinnen und Bürger nicht wissen, was tatsächlich auf sie zukommt. Die Bilder, die Sör seit Jahren zeigt, sind beschönigend bis irreführend. Kaum jemand hat sie hinterfragt. In nahezu zwei Jahren haben wir versucht inhaltliche Debatten zu führen. Man hat diesen in haltichen Diskurs aber bewusst gemieden.
Sie kritisieren auch, dass der Bürgermeister es so darstellt, als hätten Sie die massiven Kosten für den Ausbau des Frankenschnellwegs als zentrales Argument genutzt. Warum widersprechen Sie?
Mit der Aufforderung ,,zurück auf Los“ haben wir auf ein grundlegendes Hinterfragen des Projektes gehofft. Für die Formulierung einer Ja/Nein-Frage in einem Bürgerbegehren gibt es eindeutige Vorgaben. Es müssen klare Begründungen genannt werden. Wir hatten gleichwertig neben den immensen Kosten fünf weitere Argumente: die lange Bauzeit, die Zunahme des Durchfahrtsverkehrs, weniger Grün und mehr Versiegelung (Klimaschutz), den dauerhaften Unterhalt (Belastung künftigerGenerationen) und die Bindung von Personal. Für mich als Stadtplanerin stehen im Vordergrund die erheblichen Eingriffe in die Stadtstruktur, deren dauerhafte, irreversible Zerstörung und die vertanen Chancen für eine echte Stadtreparatur in Zeiten des Klimawandels.
Wie geht es aus Sicht der Bürgerinitiative nun nach dem Bürgerentscheid aus Sicht der Ausbau-Gegner weiter? Sind weitere Aktionen geplant?
Über 71.000 haben unsere Meinung im Entscheid geteilt. Wir fühlen wir uns diesen Menschen verpflichtet und werden das Projekt weiter kritisch begleiten. Wir ziehen aber kritische Schlüsse aus dem Ergebnis des Bürgerentscheids. Weshalb wir mehr Transparenz im Stadtrat und mehr ehrliche, echte Bürgerbeteiligung fordern. Deshalb nehmen wir die jetzigen Gesprächsangebote gerne an. Wir hoffen auf ein faires Miteinander auf Augenhöhe. Wir meinen aber, dass bei den immer schneller erforderlichen Anpassungen an Klimaveränderungen die Bereitschaft, veraltete Planungen kritisch zu hinterfragen, steigen muss. Wir brauchen einen neuen Ansatz, um die Stadt grüner, resilienter zu machen, und da führt kein Weg an Veränderungen im Bestand vorbei. Wir bleiben dran, noch ist der Tunnel nicht beschlossen. Wir werden weiterhin das Thema in unsere Veranstaltungen einbeziehen und Politik wie auch Presse gerne einladen.
Forderung nach einer Gegendarstellung zu Aussagen Krieglsteins
